Individuum … Ich

Bild: Felix Hoffmann

Ich oder die Anderen?
Individualismus oder Kollektivismus?
Für sich einstehen oder anpassen?
Ein spannendes Spannungsfeld.
Ein Spannungsfeld, dass uns zerreißen kann.
Zumindest, wenn wir einigermaßen reflektiert an die Sache geht.

Die Interessen der Gesellschaft oder einer Gemeinschaft stehen manchmal gegen die eines Individuums. Das ist nicht wertend formuliert, sondern eine neutrale Wahrnehmung. Genau genommen ein absolut neutraler Fakt.
Die Herausforderung entspinnt sich aber an der Frage, wie ich als Individuum damit umgehe. Setze ich mich selbst absolut und ziehe mein Ding als Individualist durch? Passe ich mich vollständig an und werde zum Teil eines Kollektivs?

Ich halte beide Optionen für – im wahrsten Sinn des Wortes – fragwürdig. Den Individualismus frage ich: Wo ist die gemeinschaftliche Dimension? Wo die Verantwortung den anderen gegenüber? Wo Beziehung? Den Kollektivismus: Wo bleibt die Selbstentfaltung? Wo bleiben Charismen? Wo das Recht auf Eigenheiten?

Beide Extreme scheinen also eine Sackgasse zu sein.
Individualität und gemeinschaftliche Verantwortung stehen m.E. in einer wechselseitigen Beziehung. Beide Dimensionen haben ihr Recht und beide müssen abgewogen werden. Individualität darf nicht ignorant werden und der gemeinschaftliche Anspruch nicht übergriffig.

Praktisch hat das zu Folge, dass sich jedes Individuum entfalten kann und soll. Wir alle sind frei unsere Leben zu gestalten, wie wir es wollen. Unsere Arbeit, Freizeit, Spiritualität und das Verhältnis dieser Aspekte sind unser Ding.
Wichtig ist aber: Diese Aspekte haben auch Grenzen. Und diese liegen in der Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber. In Gemeinschaft gibt es ein Geben und Nehmen. Jedes Individuum steuert seinen Teil bei und erhält auch etwas. Jede Gemeinschaft braucht Wertschätzung.

Individualität und Gemeinschaft sind keine Gegensätze.
Es sind zwei Pole unserer Lebensgestaltung.
Wir sind dazu aufgerufen eine Position in dieser Spannung zu finden, die uns und dem Miteinander gerecht wird.

Ich glaube auch, dass das eine zutiefst christliche Haltung ist. Wir alle sind individuell geliebte Geschöpfe. Jeder in seinem So-Sein, wie er oder sie ist. Das spiegelt sich in der Individualität, die unsere Beziehung zu uns selbst zum Ausdruck bring, und im Gemeinschaftlichen, in dem unsere Beziehung zur Individualität der Anderen ausgedrückt wird.

In der Kirche ist das Magnetfeld zwischen diesen zwei Polen der Heilige Geist. Er stärkt die Einzigartigkeit der Individuen und ihr Zusammenspiel als Gemeinschaft. Kirche sollte ein Ort sein, in dem das Individuum gestärkt und ein gesundes Gemeinschaftswesen gefördert wird.

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war,
waren alle zusammen am selben Ort.“

– Apostelgeschichte 2,1 –