„Sieh dir den an …“ – vom gebrochenen Ich

Bild: unsplash/Jonathan Hoxmark

Bin ich zufrieden mit mir?
Bin ich zufrieden mit meinem Verhalten?
Ist alles OK was ich mache? Oder würde ich gern etwas ändern?

Ich selbst muss sagen: Da ist noch Spielraum nach oben.
Es gibt einige Punkte, an denen ich gern mehr an mir arbeiten würde.
Beispielsweise, wenn es um Selbstdisziplin oder Geduld geht.
Ich glaube, dass geht vielen Menschen so.
Ist das schlimm?
Ganz sicher nicht.
Sich klar zu sein, dass man nicht perfekt ist und sich noch entwickeln kann und will, ist eine gigantische Chance. Die Chance nicht stehen zu bleiben, sondern – ohne sich selbst zu zerfleischen – an sich selbst zu arbeiten.

Das ist das Gegenteil der Haltung, die ich ab und an höre:
“Ich bin halt so.“
Nicht missverstehen: Selbstannahme ist wichtig.
Selbstannahme bedeutet aber trotzdem Realismus.
Ja, wir sind so. Und, ja, wir haben auch Züge, die sich noch entwickeln können.

Wer sich dessen bewusst ist, verändert auch seine Haltung anderen Menschen gegenüber. Man hat die Chance nachsichtiger zu sein.
Das ist in sich auch logisch: Warum sollte ich mir meiner eigenen Begrenztheit bewusst sein, aber anderen diese nicht zugestehen und ihnen deshalb auch das Potential zu Entwicklung absprechen.

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“

– Matthäus 7,1 –

Diese Art andere Menschen zu betrachten ist zutiefst christlich. Jesus vermittelt bei Matthäus den Menschen, dass wir zuerst auf uns schauen sollen und unsere eigenen Baustellen bearbeiten sollten.
Kurz: Mensch, bleib bei dir.
Ich finde diesen Gedanken einleuchtend, aber auch herausfordernd. Eine Haltung der Demut, die sich selbst richtig einzuordnen versteht und – im Sinn des Wortes – selbst-bewusst ist, widerspricht der Logik der Selbsterhöhung durch die Erniedrigung des anderen. Aber es lohnt sich. Es können neue und tiefe Beziehungen zu anderen Menschen entstehen. Es kann eine innere Ruhe entstehen, weil auf einmal nicht mehr ich der ausschlaggebende Punkt bin.

Mit Blick auf einen Gott, der alle Menschen unterschiedslos liebt, macht das Sinn und entspannt. Gott liebt mich in meiner Unvollkommenheit, er liebt auch die Anderen. Also schließe ich mich seiner Liebe an.